BITTE lesen!

http://mohnmarzipan.blogspot.com/2010/09/sexueller-missbrauch-ii.html

BITTE LESEN! dies ist ein Text von OLA von MOHN und MARZIPAN: Ich finde ihn so wichtig und gut geschrieben… also bitte sehr:

Vor einigen Wochen, habe ich schon einen Post zu sexuellem Missbrauch an Kindern reingestellt.
Ich wurde seit dem öfters gebeten noch etwas darüber zu schreiben, was ich heute mal machen möchte.
Wie schon geschrieben, habe ich mich mit Prävention durch Bilderbücher beschäftigt und am Ende meiner Arbeit festgestellt, dass es da wirklich viel Mist gibt.
Natürlich kann ich hier eine Liste von „sinnvollen“ und „schrottigen“ Bilderbücher reinstellen (das mache ich auch gerne bald), aber ich finde, es ist wichtiger, Euch ein Gefühl dafür zu geben es selbst beurteilen zu können.
Wie schon beim letzten mal ist es diesmal auch so, dass ich der lesefreundlichkeitshalber keine Fußnoten benutze- . Wen es interessiert, dem reiche ich die Belege gerne nach.
Also, heute will ich was über Prävention schreiben.
Es gibt Täter und Täterinnenprävention, die total wichtig ist und in die leider viel zu wenig Geld investiert wird.
Es gibt in Berlin ein Projekt „Kein Täter werden“ das mit Tätern und mit potentiellen Tätern zusammenarbeitet. Die Wartelisten hierfür sind sehr lang- das heißt es gibt viele Menschen die sich gerne helfen lassen würden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen.
Ich beschäftige mich  hauptsächlich mit Opferprävention.
Bei Prävention unterscheidet man zwischen drei Formen.
-Primärprävention – also hier, die Verhinderung des Missbrauchs.
-Sekundärprävention – das möglichst frühzeitige Aufdecken und Unterbrechen des Missbrauchs.
-Tertiärprävention – das Ziel ist, Folgeschäden die durch den sexuellen Missbrauch entstanden sind zu lindern.
Es gibt passende Bilderbücher für jede der drei Präventionsformen. Man sollte sich also bei der Auswahl des Buches bewusst darüber sein, dass es da Unterschiede gibt und was man  eigentlich sucht.

Inhaltlich möchte ich hier vor allem auf Primärprävention eingehen. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin und keine Psychologin.
Man unterscheidet heute bei der Primärprävention von sexuellem Missbrauch an Kindern zwischen dem traditionellen (also veralteten) Präventionsmodell und dem modernen (also dem „überarbeiteten und überdachtem“ Präventionsmodell).

Das traditionelle Präventionsmodell ist das, was wir wohl alle kennen. Was es schon in unserer Kindheit gab und was die meisten Eltern einfach heute noch „nutzen“.
Diese Prävention arbeitet mit Abschreckung. Es ist eine Art Verbots- und Gebotsprävention die mit Risikovermeidungsstrategien arbeitet.
„Nimm keine Süßigkeiten von Fremden an“, „Geh nicht mit Fremden mit“, „Geh nicht durch den Wald“, „Sei zu Hause, bevor es dunkel wird“.
Diese „Warnungen“ verunsichern Kinder, da sie meistens nicht darüber informiert werden, warum sie sich vor den fremden Männern in acht nehmen müssen.
Doof ist es aber vor allem auch, weil diese Warnungen suggerieren, dass man demzufolge allen Erwachsenen die man kennt vertrauen kann.
Die traditionelle Prävention vermittelt also einfach falsche Infos, übt Kontrolle aus, erzeugt Abhängigkeiten, ruft Verwirrung und Angst hervor.
Besonders schwierig daran ist, dass die Verbote indirekt die Verantwortung für den eigenen Schutz alleine den Kindern übertragen.
Das heißt, die Überlegenheit der Täter und Täterinnen gegenüber den Kindern wird verkannt und den Kindern wird suggeriert, dass sie durch irgendein Verhalten einen sexuellen Übergriff abwehren könnten.
Natürlich ist da auch nicht alles falsch dran. Aber es ist wichtig, dass man nicht in dieser Art von Prävention stecken bleibt.

Moderne Prävention zielt darauf, die Kinder selbstständig in ihrer Beurteilung von Situationen zu machen und das Selbstvertrauen so zu stärken, so dass Kinder sich trauen sich aus Situationen herauszubewegen, wenn sie ihnen suspekt erscheinen.

Denn- so in Kurzversion: Gegen die Täter, die Kinder auf der Straße abgreifen, kann das Kind sich eigentlich überhaupt nicht wehren, da die Erwachsenen viel stärker sind als ihre Opfer.
Die allermeisten Täter (über 90%) sind aber dem Kind schon lange vor der Tat bekannt und der Missbrauch erfolgt oft schleichend. Die Kinder sollten also eher für diese Situationen gerüstet sein.
Moderne präventive Arbeit ist also integriert in eine allgemeine identitätsstärkende Erziehung- sie stellt also gar nicht beharrlich die Gefahr des sexuellen Missbrauchs in den Mittelpunkt, sondern besteht einfach aus dem Alltag der Kinder.
Ich zähle Euch jetzt mal die wichtigsten Präventionsziele auf- aber mir ist wichtig an dieser Stelle nochmal zu sagen, dass Prävention die sie ausschließlich an die potentiellen Opfer richtet, nur begrenzt tauglich ist.
Also sinnvolle Präventionsziele von sexuellem Missbrauch an Kindern sollten sein:
1. Stärkung der Intuition
In der Analyse von TäterInnenstrategien wird deutlich, dass TäterInnen ihre Opfer meistens manipulieren und versuchen, ihnen eine falsche Einschätzung der Situation aufzudrängen. TäterInnen, denen es gelingt, die kindlichen Gefühle umzudeuten und zu verwirren, haben es leichter, das Opfer unter Druck zu setzen.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Kinder lernen, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen. Kindern, die es gewohnt sind, dass ihre Gefühle respektiert werden, die sich in ihren Gefühlen gar bestärkt wissen, fällt es leichter, die verwirrende Situation der Manipulation seitens des/der TäterIn zu verlassen.
Kinder, die gelernt haben, auf ihre Gefühle zu vertrauen, besitzen auch die Fähigkeit, angenehme von unangenehmen Berührungen zu unterscheiden.
Da TäterInnen den Übergriff oft planvoll aufbauen, ist der Übergang von verwirrenden Grenzüberschreitungen zum Missbrauch oft fließend und für Kinder nur schwer zu durchschauen.
Deshalb sollten Kinder ,komische’ Berührungen, wie sie TäterInnen in der Annährungsphase einsetzen, erkennen und den dadurch ausgelösten Irritationen vertrauen. Dies würde im besten Fall bedeuten, dass sich das potentielle Opfer der Situation schon zu Beginn entzieht und so die TäterInnenstrategien durchkreuzt.
Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Kinder nicht mit diffusen Erklärungen schonen zu wollen, sondern Berührungen und sexuelle Handlungen deutlich zu benennen. Dabei sollten Begriffe zur Sprache kommen, die den Kindern vertraut sind. Das meint jedoch nicht, dass im Detail über sexuelle Handlungen zu sprechen wäre, da dies Kinder überforderte.
Und das fängt schon im Kleinen an: „ah komm, das hat gar nicht wehgetan“ oder „doch, dass schmeckt gut“ oder „es ist nicht zu warm, es ist kalt“ oder „da brauchst du doch keine Angst zu haben“ oder oder oder… oft sind die Eltern emsig damit beschäftigt, die Empfindungen ihrer Kinder nicht zu stärken sondern den Kindern das Gefühl zu geben, sie könnten Situationen nicht richtig einschätzen.
Ich glaube überhaupt ist das das zentralste Ziel bei der Eltern-Kind Beziehung überhaupt und auch bei der Prävention zu sexuellem Missbrauch. Das Kind zu stärken. Es soll seinem Bauchgefühl trauen können dürfen. Das das nicht der einfachste Weg ist im Zusammenleben mit Kindern mag für sich für viele Eltern so anfühlen- aber dann sollten die Eltern mal ein bisschen darüber nachdenken.

2. „Gute“ und „schlechte“ Geheimnisse
Ein Punkt, bei dem die Intuition der Kinder besonders gefordert ist, ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von so genannten ,guten’ und so genannten ,schlechten’ Geheimnissen. Viele TäterInnen bezeichnen den sexuellen Missbrauch vor ihrem Opfer als Geheimnis, um so das betroffene Kind unter Druck zu setzen. Da Geheimnisse für sich zu behalten als Zeichen von Reife gilt, können so die Opfer daran gehindert werden, sich Hilfe zu holen.
Aus diesem Grund sollte man Kindern den Unterschied zwischen ,guten’ und ,schlechten’ Geheimnissen beibringen. So sind Geheimnisse, die positive Gefühle auslösen, wie beispielsweise eine Überraschung oder ein Geschenk ‚gute’ Geheimnisse, die man für sich behalten darf. Geheimnisse jedoch, die mit Drohungen verbunden sind und negative Gefühle verursachen, sind ‚schlechte’ Geheimnisse und sollten weitererzählt werden.
Bereits Vorschulkindern Erlebnismöglichkeiten zu bieten, in denen sie den Unterschied zwischen ‚guten’ und ‚schlechten’ Geheimnissen erlernen können, ist ein unerlässliches Präventionsziel.
 
3. Widerstand und Ungehorsam
Aus dem Präventionsziel des Vertrauens auf die eigenen Gefühle folgt das Ziel, Kinder zum Widerstand und Ungehorsam zu ermutigen.
Bei den Strategien der TäterInnen, vor allem bei denjenigen, die aus dem sozialen Nahraum der Kinder stammen, finden so genannte ‚Testrituale’ statt, mittels derer ergründet werden soll, wie selbstsicher ein Kind ist und wie weit der/die TäterIn gehen kann. Zudem verlangen TäterInnen häufig von ihren Opfern Gehorsam, indem sie ihre überlegene Stellung als Erwachsene nutzen.
Kinder erleben täglich, mit welcher Selbstverständlichkeit Verwandte oder Bekannte ihrem eigenen Bedürfnis nach Körperlichkeit Ausdruck verleihen, ohne auf entsprechende Signale der Kinder zu achten. Für Kinder scheinen andere Regeln zu gelten als für Erwachsene. Gerade dort, wo Kinder geschützte Räume erleben sollten – in der eigenen Familie oder im nahen sozialen Umfeld – geschehen die meisten Übergriffe. Es reicht nicht aus, den Kindern immer wieder zu sagen, dass sie zu unangenehmen Berührungen ,Nein’ sagen dürfen. Kinder sollten die Möglichkeit haben, dieses ,Nein’ als Ausdruck für eine Vielfalt von Widerstandsformen, die es zu erwerben gilt, auch in vertrauten Beziehungen einzuüben und bestätigt zu wissen
In der Konsequenz erfordert dies für beide Seiten, sich Grenzverletzung zu stellen und sich beispielsweise zu entschuldigen, damit so deutlich wird, dass Verantwortung trägt, wer Grenzen verletzt. Kinder haben das Recht der Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Recht, Zärtlichkeiten anzunehmen oder zurückzuweisen. Als Maß zählt hier einzig die Wahrnehmung des Kindes und nicht die der Erwachsenen. Aber Situationen, in denen Kinder sich gegen Umarmungen, Liebkosungen und Küsse wehren, werden meist von Erwachsenen belächelt. „Manchmal führt die negative Reaktion des Kindes sogar zu Ungehaltenheit über die Abwehr.“ Notwendig wäre stattdessen eine bewusste Unterstützung der gelegentlichen Abwehr der Kinder, auch wenn es sich um scheinbar harmlose Situationen, wie den Kuss einer Tante, handelt.
Und in der Praxis bedeutet dass, dass mein Kind  z.B. niemandem die Hand zur Begrüßung geben muss, wenn es das nicht will. Nicht weil ich denke, dass „Handgeben“ etwas intimes ist, sondern, weil es eine gute Übung ist. Und auch, weil ich es wichtig finde, dass sie das für sich entscheiden darf.
Wir üben das alles ständig. Das Kind will gekitzelt werden, das mach ich- aber sobald das Kind sagt: „Aufhören!“ Höre ich auch auf. Einfach um es ganz selbstverständlich werden zu lassen, dass das Kind total über einen Körper entscheiden darf. Ich sage auch manchmal: „Hast du Lust mir einen Kuss zu geben?“ Und das Kind hat oft Lust- aber wenn es mal keine hat, würde ich nie sagen: „oooh- jetzt bin ich aber traurig“ Auch nicht zum Spass. Wegen dem Üben halt 😉 Ich muss das übrigens genauso üben. Mir fällt es selbst schwer in bestimmten Situationen „Nein“ zu sagen- also das Kind zu unterstützen. Unsere Nachbarn z.B. kennen und mögen das Kind schon lange. Immer wenn Sie uns treffen halten wir ein Schwätzchen. Ich merke in letzter Zeit, dass das Kind zwar irgendwie diese Begegnungen geniest- aber sich auch davor fürchtet. Ihr wird im Gesicht rumgestreichelt, über den Kopf getätschelt- alles total lieb gemeint- aber ich merke, dass ihr diese Berührungen unheimlich sind- und irgendwie schaffe ich es trotzdem nicht mal nett zu sagen, dass sie das lassen sollen. Wir üben…
4. Unterstützung
Ein Kind, das in der Situation des Missbrauchs den Mut aufbringt, sich einem Erwachsenen oder dem eigenen Umfeld gegenüber zu offenbaren, erfährt häufig negative Reaktionen. Dies geschieht in Form von Schuldzuweisungen, vor allem aber dadurch, dass man ihm keinen Glauben schenkt. Und auch die TäterInnen bauen darauf auf, dass einem Kind niemand glauben wird.
5. Sexualerziehung
Gerät Sexualität zu einem Tabuthema, wird ein zentrales Moment präventiver Konzepte sabotiert: Ein Kind kann nur dann einen Erwachsenen um Hilfe bitten, wenn es spürt, dass es darüber reden darf. Dabei ist es wichtig, dass Kinder schon frühzeitig über einen Wortschatz verfügen, mit dem sie Geschlechtsorgane benennen können.
Die Annahme, dass ein Kind möglicherweise mehrere Erwachsene um Hilfe bitten muss, bevor ihm geglaubt wird, spiegelt in der Tat die Realität dessen wider, was die Opfer sexuellen Missbrauchs häufig erleben. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dem Kind zu vermitteln, dass es sich bei mehreren Menschen Hilfe holen darf und soll: „Sie brauchen die stetige Zusicherung, dass sie mit dem, was sie erlebt haben, ernst genommen werden.“
Ein weiterer Grund, weshalb sich manche Kinder nicht ihren Eltern bzw. Bezugspersonen anvertrauen, ist, dass sie befürchten, diese zu überfordern. Sie ahnen, dass Mutter oder Vater bzw. ErzieherIn diesem schweren Problem möglicherweise nicht gewachsen sind.
Für meine zweijährige Tochter heißt es: sie kennt ihre Scheide, weiß wo der Po ist,  kennt  den Penis von R. – sie hat das alles schon gesehen und sie stellt uns fragen darüber. Dass es wehtun kann wenn man was in die Scheide steckt, oder wenn man am Penis zieht- darüber haben wir  geredet.
Andere Sexualaufklärungen kommen dann nach und nach.

 

5. Kinder haben niemals Schuld
Kinder haben niemals Schuld an sexuellem Missbrauch. Auch wenn sie Geschenke angenommen haben oder angeblich die/den TäterIn ,provoziert’ haben. Die volle Schuld liegt stets bei der/dem TäterIn. Eine wesentliche TäterInnenstrategie besteht darin, Schuld und Verantwortung für die Tat den Kindern aufzubürden, um sich selbst vor Strafverfolgung zu schützen. Kinder, die sich schuldig fühlen, schweigen eher über das Erlebte. Eine Ursache für Schuldgefühle kann beispielsweise darin liegen, dass das Kind sich für den ,Familienunfrieden’ verantwortlich fühlt, der aufgrund von Gegenwehr gegen den Missbrauch entstehen könnte.

Also, eins kann ich schonmal sagen: ALLE Bilderbücher zu sexuellem Missbrauch, in deren Titel: „Fremder“ vorkommt (und das sind ca. 70%) können in den Müll. Da gibt es ganz besonders schreckliche und auch nur ziemlich schlimme.
Und alle Bilderbücher die mit „Pass auf“ oder „Vorsicht“ anfangen (20%) können hinterher.

Richtig gut finde ich zur Primärprävention Bilderbücher, die den Körper zeigen und/oder schöne und blöde Gefühle thematisieren.

Da kann man nicht viel falsch machen- aber viel richtig.

Über die Bücher die explizit den Missbrauch thematisieren schreibe ich bald.

Es ist  nur eine gekürzte Fassung- der Text wirft wahrscheinlich mehr Fragen auf als er Antworten gibt- aber ich glaube, dass ein solcher Blogeintrag auch nur als Denkanstoß dienen kann.

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